Interview

Interview mit Frau Bahn - Inhaberin der Buchhandlung Bahn in Sindorf

Um meine Büchersucht zu befriedigen, treibe ich mich büchertechnisch auf vielen Hochzeiten rum. Ich nutze den offenen Bücherschrank vor meiner Haustüre, stöbere oft auf dem Second Hand Büchermarkt (Thema Nachhaltigkeit!), bekomme Rezensionsexemplare von Verlagen, treibe mich auf diversen, für den Geldbeutel sehr "gefährlichen" Online-Verkaufsportalen rum, die Bücher deutlich unter der Buchpreisbindung anbieten (Ja, ich gebe zu, ich bin ein Schnäppchenjäger!).

 

Aber am liebsten kaufe ich immer noch in meiner Lieblingsbuchhandlung in meinem Wohnort ein! 

Dort wird Service und Kundenfreundlichkeit groß geschrieben. Die Inhaberin, Frau Elke Bahn, hat immer Zeit für einen kleinen Klön, wie man im Rheinland sagt (ein kurzes Gespräch) und die Mitarbeiter sind sehr nett und kompetent und immer für einen Lacher zu haben.

Habe ich einen speziellen Bücherwunsch, wird er mir dort auf jeden Fall erfüllt. Sei es eine bestimmte Bestellung zu terminieren, sei es ein vergriffenes Exemplar oder ein Buch in einer besonderen Ausstattung. Bisher gab es nichts, was für Frau Bahn und ihre Kollegen nicht zu besorgen war. Ich nenne sie auch liebevoll meine "Bücherdealerin"! 

 

Bei all´ der Lobhudelei ist es daher höchste Zeit, Frau Bahn um ein Interview zu bitten. Und siehe da: sie hat zugesagt! :-) 

 

"Beruf kommt von Berufung"

 

Frau Bahn, Sie haben kürzlich mit Ihrer Buchhandlung den 4. Geburtstag gefeiert. Ich erinnere mich noch an die Vorbesitzer, Familie Moewes, und hörte von deren Verkaufsvorhaben. Was hat Sie damals dazu bewogen, den Buchladen zu übernehmen? 

 

Ich bin zu diesem Zeitpunkt mehrere Jahre meinem Beruf hinterher gezogen, nachdem ich 16 Jahre in leitender Position einer Filialbuchhandlung in Baden-Württemberg gearbeitet habe. Ich bin dann als "Springerin" bei Frau Moewes gelandet. 

Wir beide haben uns sofort gemocht. Als der Verkauf der Filialen anstand, hat sie mich gefragt, ob ich eine der beiden Kleinen übernehmen wolle. Das Angebot war unwiderstehlich und ich hatte genug Berufserfahrung und betriebswirtschaftliches Knowhow. 

Ich wollte auch nicht mehr umziehen müssen. 

 

Gab es Zeiten, in denen Sie diesen Schritt bereut haben?

 

Nö! 

 

Haben Sie den Beruf der Buchhändlerin gelernt? Falls ja, würden Sie es wieder tun, mit dem Wissen und der Erfahrung, die Sie heute als Buchhändlerin haben? 

 

Ja, ich habe den Beruf mit allem, was dazu gehört, erlernt. Nachdem ich die Uni absolviert habe und schon in mehreren Berufssparten unterwegs war. Ich würde ihn auf jeden Fall nochmals ergreifen; Beruf kommt von Berufung. 

 

Wir befinden uns jetzt schon seit über einem Jahr nahezu durchweg im Corona-Lockdown. Was hat sich für Sie in Bezug auf Ihren Buchladen geändert?

 

Wie für den gesamten Einzelhandel ist es schwierig geworden zu planen und zu überleben. Aber wir waren von Anfang an gut aufgestellt: modernes Warenwirtschaftssystem, Homepage, digital vernetzt (wichtig, was den Informationsaustausch unter den Kollegen, Fortbildungen und die Gestaltung des Sortiments betrifft). Das vereinfacht die Bestellmöglichkeiten für die Kunden immens (click & collect).

Das Allertraurigste ist aber, dass der Kontakt zu unseren Kunden nur noch sporadisch über den Tisch vor dem Laden stattfindet. Immerhin verstehen wir uns auch als Treffpunkt für viele Sindorfer, die auch einfach mal nur auf ein nettes Gespräch und eine Tasse Kaffee vorbeikommen. 

 

Wenn Frau Bahn mal eine ruhige Minute hat, sitzt sie schon mal mit einem Kunden vor ihrer einladenden Buchhandlung

 

Wird sich der Buchmarkt in Zukunft ändern? Wird das Lesen gar aus der Mode kommen oder gab es aufgrund des Lockdown sogar einen Aufschwung? 

 

Schwierig zu beantworten. Ich kann nur von meiner Erfahrung berichten: wir haben hier eine Stammkundschaft, die beständig liest, deren Kinder und Enkel lassen sich zum Teil für das Lesen begeistern. Wobei wir beobachten, dass ab 12 Jahre im Durchschnitt weniger gelesen wird. Ich denken das Freizeitangebot ist einfach zu vielfältig. 

Also kann man sagen, das Lesen nicht aus der Mode kommt. 

 

Einige Ältere bevorzugen digitale Lesegeräte wie den Tolino - macht das Lesen leichter und bläht die physische Bibliothek nicht so auf, was wichtig ist, wenn man sich verkleinern muss. 

Einen grundsätzlichen Aufschwung konnten wir während des Lockdown nicht verzeichnen, wohl aber Hamsterkäufe in den kurzen Zeiten, in denen wir öffnen durften.

 

Was wünschen Sie sich für den Buchhandel der Zukunft?

 

Dass der Buchhandel bundeseinheitlich als "systemrelevant" eingestuft wird. 

 

Welches ist Ihr Lieblingsbuch? Haben Sie einen Lieblingsautor? Welches Buch mochten Sie überhaupt nicht?

 

Ich habe viele Lieblingsbücher und viele Lieblingsautoren: T.C. Boyle, Juli Zeh, Louise Penny, Joe Abercrombie, Andrzej Sapkowski, Isabel Bogdan...

Was ich nicht mochte: Reise durch die Nacht von Friedericke Mayröcker.

 

Gibt es ein Genre, welches Sie nicht lesen?

 

Ja, Liebesromane. Das geht nicht mit meinem Frauenbild überein.

 

Wollten Sie jemals selber ein Buch schreiben?

 

Niemals! Lesen ist viel schöner und bequemer! Außerdem fehlt mir das Talent.

 

Team Buch oder Team E-Book?

 

Sowohl als auch.

 

Sie bekommen von den Verlagen, deren Programme Sie anbieten, sicher vorab Leseexemplare gestellt. Lesen Sie die alle? Wie treffen Sie eine Auswahl? 

 

Ich wähle die Leseexemplare vorher auf der Plattform vlbtix (Verzeichnis der lieferbaren Bücher) in den Verlagsvorschauen aus. Unverlangt kommen, bis auf wenige Ausnahmen, keine mehr. Das ist einfach zu teuer für die Verlage. 

 

Ich möchte dann meistens nur epubs haben (Anmerkung: als epub wird ein bestimmtes E-Book-Format bezeichnet).

Natürlich überlege ich mir, welche Bücher meine Kunden interessieren könnten. Diese bestimmen die Hauptauswahl.

 

Dann gibt es auch ein paar Schmuckstücke, die in meine Sammlung gehören, deren Themen mich interessieren oder deren Handlung mich fasziniert.

Begeistert mich ein Buch nicht auf den ersten 30 Seiten, wird es weggelegt und nicht eingekauft. 

Manchmal finde ich auch ein Buch nach wenigen Sätzen so schlecht, dass ich es sofort weglege. 

Die, die mir gefallen, lese ich meist auch zu Ende, mehr oder minder im Überflug, manche auch gründlicher.

 

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

 

Aufschließen, Computer hochfahren, Kasse richten, Wareneingang machen, Kundenbestellungen zuordnen, Kundenaufträge sichten und nachbearbeiten, evtl. benachrichtigen, Lager ein- und aufräumen, abstauben, Buchhaltung machen, Aufträge für Schulen und Bibliotheken bearbeiten, Rechnungen schreiben, mahnen, Ausbildungsthemen mit der Azubine bereden, dazwischen beraten, Geschenke einpacken, kassieren. Am Abend Tagesabschluss: Kasse zählen.

Aber ja, normalerweise haben wir Zeit für einen Klönsnack mit den Kunden.

 

Auch  Mopsdame Sushi und Border Collie Joey gehören zu Elke Bahns Stammkunden in der Buchhandlung

Wie gelingt es Ihnen, Titel weiterzuempfehlen, die Ihnen besonders am Herzen liegen, jedoch abseits vom Mainstream sind?

 

Relativ einfach, wenn ich weiß, welche Art von Literatur meine Kunden interessiert und was sie bereits gelesen haben. Dann sind sie auch dankbar, dass sie eine passgenaue Empfehlung von mir bekommen. Von manchen Büchern bin ich so begeistert, dass es ansteckend (Pardon!) wirkt. :-) 

 

Gibt es auch mal (negative) Rückmeldungen Ihrer Kunden auf eine Ihrer Leseempfehlungen?

 

Die allermeisten fallen sehr positiv aus. In wenigen Fällen lag ich auch mal daneben. Da waren entweder meine Einschätzung falsch oder die Geschmäcker doch zu verschieden. 

 

Na, wenn das rote Sofa nicht zum Verweilen einlädt? 

 

Jetzt plaudern Sie doch mal aus dem Nähkästchen: was war das Skurrilste, was Sie mit Kunden erlebt haben? 

 

Naja, skurrile Dinge habe ich weniger erlebt, aber sehr denkwürdige: ich hatte mal ein "member of the first nations" zu Gast, einen Blackfoot aus Kanada. Ich hatte eine Projektwoche (mit Büchertischen, Kinderbespaßung und allem drum und dran) zur Suchtaufklärung mit dem örtlichen Jugendamt gestaltet.

Was soll ich sagen: ich bin abends mit ihm um die Häuser gezogen, war sehr spaßig. 

 

Und ich hatte mal eine Kundin, die zu einer (groß)mütterlichen Freundin wurde, Frau Anneliese Knoop-Graf, der Schwester von Willi Graf (Anmerkung: Willi Graf war Mitglied der "Weißen Rose", der Widerstandsbewegung gegen das Nazi-Regime um die Geschwister Scholl). Sie wohnte damals in Bühl (Baden-Württemberg), wo ich sie auch kennenlernte. Die konnte sehr direkt sein.

Einmal hatte ich ihr ein Buch empfohlen, das ihr nicht gefiel.

"Das Buch war echt sch...e, liebe Elke! Ich wundere mich jetzt doch, wo Du doch sonst so einen guten Geschmack hast!" 

Das Ganze lautstark vor der Buchhandlung.

 

In manchen Buchhandlungen sieht man schon mal besondere Werbekampagnen, wie beispielsweise "Blind Date with a book"*. Wäre das auch etwas, was Sie für Ihren Buchladen in Erwägung ziehen würden oder käme das für Ihren Kundenstamm eher nicht infrage?

 

Nein, habe ich noch nicht in Erwägung gezogen, wobei ich das von der früheren Moewes-Filiale in Bergheim kenne. Ich mache lieber ab und zu bei der Indie-Book-Week mit. 

 

* Bei "Blind Date with a book" wird ein Buch in Papier eingepackt, so dass man das Cover und den Buchrücken nicht sehen kann. Lediglich ein paar wenige Schlagwörter beschreiben das Buch. Man kauft quasi die "Katze im Sack"! 

 

Was war das bisher teuerste Buch, was Sie verkauft haben?

 

Die Vatikan-Bibel, limitierte Auflage, vom Papst handsigniert, 3.000 €.

Ein begeisterter Pfarrer hat 3 Stück davon bestellt.

 

Haben Sie einen Lieblingsplatz, wo Sie gerne lesen? Welches Buch liegt derzeit auf Ihrem Nachttisch?

 

Tatsächlich im Bett. 

 

Welches Buch? Wohl eher Bücher?  :-)

Keigo Higashino: Kleine Wunder um Mitternacht

Henry Sutton: Der Hotelinspektor auf Mallorca

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum

William Boyd: Trio

Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos

...to be continued! 

 

Gibt es ein Buch, welches maßgeblich Einfluss auf Ihr Leben genommen hat?

 

Tatsächlich die Bibel. Ich habe ja u.a. auch einen Abschluss in Theologie.

 

Welches Buch können Sie immer und immer wieder lesen?

 

Als Kind gab es ein paar Bücher, die ich so geliebt habe: Die Qualze und die sieben Brüder (Helga Weymar)

Nun fällt mir wiederholtes Lesen eines bestimmten Buches schwer, weil mein Pensum enorm hoch ist. Irgendwann lese ich die Bücher von John Irving nochmals. 

 

Welche Hobbies haben Sie denn noch, abseits vom Lesen? 

 

Vor meiner Selbstständigkeit war ich mal richtig sportlich: Basketball Bundesliga, Ausbildung zur Fitnesstrainerin, Yoga-Lehrerin.

Außerdem fahre ich gerne Motorrad, wenn es die Zeit erlaubt (also selten). Aber meine "Abby" steht abfahrbereit in der Garage.

 

Ich danke Ihnen für das Interview, Frau Bahn!

 

War mir ein Vergnügen! 

 

Frau Bahn und ihre netten Kollegen findet Ihr hier:

 

Buchhandlung Bahn

Kerpener Str. 81

50170 Kerpen

 

Öffnungszeiten

Mo-Fr 09:00-18:30

Sa 09:00-14:00

Tel.: 02273 - 57871

Buchhandlung.sindorf (@) gmail.com

https://www.genialokal.de/buchhandlung/sindorf/buchhandlung-sindorf/


 

© Fotos: Elke Bahn

Kommentar schreiben

Kommentare: 0